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L’infedeltà delusa<br>Gianni Schicchi
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Warum Haydn und Puccini ?

Warum Haydn und Puccini? Beide, in der Toskana spielenden Werke, spiegeln die Problematik einer jungen Liebe, die durch finanzielle und gesellschaftliche Zwänge gefährdet ist, wider.

Rinuccio liebt Lauretta, der Familienclan aber ist gegen diese Verbindung. Lauretta, die Tochter des Emporkömmlings und des in die über Generationen gewachsene gesellschaftliche Struktur platzenden Eindringlings Gianni Schicchi, wird, ohne sie jemals gesehen zu haben, vorweg abgelehnt. Die Tochter eines ehemaligen Bauern und der Spross aus einer des besten großstädtischen Familie: ein Ding der Unmöglichkeit. Parallel die Probleme des Paares Nanni und Sandrina. Auch Sandrinas Vater, der Grossbauer Filippo, lehnt die Ehe mit dem ärmlichen Nanni ab und will seine Tochter an den reichen Bauernsohn Nencio verschachern. Die persönlichen Wünsche der Kinder (Rinuccio und Sandrina) und deren Liebesglück zählen nichts in der Kalkulation der finanziellen Zukunft. Durch listige Intrigen Vespinas und Giannis wird in beiden Fällen das Unglück der Liebenden vereitelt und die Paare gegen den Willen der älteren Generation zusammengeführt.

Was liegt also näher als die beiden Stücke ( à la "Ariadne auf Naxos") zu verbinden. Somit wird die Haydn - Oper im Werk Puccinis stattfinden. "Gianni Schicchi" wird in die Zeit Puccinis verlegt. Wir befinden uns also um das Jahr 1900. Der geldgierige, tyrannische und allerseits verhasste Buoso Donati feiert seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat sich seine scheinheilige, schleimige Verwandtschaft eingefunden. Als besonders Geschenk hat man die Aufführung einer Oper geplant. Dies aber nicht um den Musikhasser Donati Freude zu bereiten, sondern in der Hoffnung, dass sich der Alte durch den Handlungsablauf so aufregt, dass er seinem Herzleiden erliegt.

Eine Schauspielertruppe, bestehend aus 5 Sängern und einigen Statisten, tritt auf, stellt sich dem mürrischen Donati vor und beginnt mit der Aufführung der Haydn-Oper im Hause Donatis. Mit Hilfe der Möbel des Zimmers und mitgebrachter Requisiten werden so die ländlichen Räume der Haydn Oper simuliert.

Die Familie sieht, Buosos Reaktionen immer prüfend, mehr oder weniger gespannt dem Handlungsablauf zu, in den sie auch eingreifen bzw. einbezogen werden.

Der Handlungsverlauf der Haydn-Oper, die sich im Grunde um den Sieg der Liebe und der klugen Intrige über die Macht des Geldes dreht, geht Buoso dann auch so nahe, dass er, der sich mehr und mehr mit Filippo identifiziert, an einem Herzinfarkt stirbt. Die Schauspieler werden für diese großartige Leistung von den Verwandten bezahlt. Damit endet die Oper von Joseph Haydn.

Nach der Pause setzt Gianni dort an, wo wir vor der Pause geendet haben. Die Schauspielertruppe und deren Mobiliar ist weg. Die Familie ergeht sich in heuchlerischer Trauer um den eben verstorbenen Buoso.

Robert Simma


Neben den bereits geschilderten inhaltlichen Zusammenhängen der beiden Stücke des heutigen Abends können auch musikalische und entstehungsgeschichtliche Details den Bogen vom 18. ins 20. Jahrhundert spannen.

Nachdem Gianni Schicchi seit seiner Entstehung mit verschiedenen Werken an einem Abend aufgeführt wurde, kam es zu den unterschiedlichsten Kombinationen. Häufig wurde es versucht, die Verbindung zu anderen Stücken im Tod, Sterben, in der Ordnung der letzten Dinge, der ars moriendi, zu finden. So auch in der Wiener Staatsoper, wo Puccinis Komposition mit Schönbergs „Jakobsleiter" kombiniert wurde.

Die opernwerkstatt wien findet in dieser neuartigen Zusammenstellung der infedeltà delusa mit Puccinis einziger komischer Oper einen anderen Weg.

Es handelt sich in beiden Fällen um buffoneske Kompositionen. Bei Haydn findet sich im Titel die Burletta verzeichnet, während Puccini schon längere Zeit, bevor er Gianni Schicchi komponierte, darauf verweist, dass er eine komische Oper schreiben möchte. In einem Brief aus dem Jahre 1913 meint er: „Ich werde nie eine Operette schreiben: eine komische Oper, ja, wie der Rosenkavalier, aber noch unterhaltsamer und organischer." Der Bezug zum Schaffen Richard Strauss' wird uns später noch einmal begegnen.

Während der Arbeit am 2. Teil des Trittico (Suor Angelica), dessen Librettist ebenfalls Forzando ist, kam man auf den Stoff des florentinischen Erbschaftsbetrügers und Testamentsfälschers, Gianni Schicchi, der in Dantes Commedia, im XXX. Gesang des ersten Teils, des Inferno, erwähnt wird. Die Bezüge zur commedia dell'arte sind in beiden Werken sehr deutlich. In Vespina bei Haydn haben wir eine typische Charakterfigur, die den Handlungsablauf durch ihre Intrigen und Spiele (selbstverständlich in aufwendigen Verkleidungen) kontrolliert. Gianni Schicchi spielt eine ähnliche Rolle. Er verkleidet sich als Buoso Donati und kann damit die Geschichte in solcher Weise abwandeln, dass das Liebespaar und er zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen, während die Verwandtschaft, die sich aus seiner Darstellung Reichtum und Macht erhofft hatte, mit leeren Händen aus dem Haus getrieben wird. Diese Situation spiegelt sich auch in der Musik Puccinis wider. Das ostinate Achtelmotiv, das bereits zu Beginn der Oper auftritt und zwei Drittel des Werkes bestimmt erscheint zu dem Zeitpunkt wieder, als Schicchi den Verwandten beschreibt, was der Notar sehen wird, wenn er kommt. In der Singstimme Schicchis wird das Thema auf zwei Melismen konzentriert, wodurch ein Echo der falschen Tränen vom Beginn geschaffen wird. Damit unterstreicht Puccini die Fähigkeit Schicchis, die Schwächen der Verwandten, Gier und Neid, auszunutzen und sie wie Puppen an den Fäden tanzen zu lassen. Die Verzierung erscheint erneut an noch prominenterer Stelle, als Gianni schon in richtiger Verkleidung den hoffnungsfrohen Erben schildert, wie schwer die Strafen auf Testamentsfälschung sind (Addio Firenze).

Weitere Elemente der commedia dell'arte sind die Typen der Stegreifdar-stellung mit Lauretta als kapriziöse Colombina und Betto als überzeugten Junggesellen, Pantalone. Auch der Doktor aus Bologna ist quasi ein Double des Balanzone. Die Idee des betrogenen Betrügers an sich zählt ebenfalls zu den Lieblingsthemen der commedia dell'arte.

Beide Opern haben im Werk ihrer Komponisten eine Sonderstellung. Puc-cini zeigt sich in an dieser Stelle musikalisch von einer ganz neuen Seite. Es gibt im bisherigen Schaffen weder ein Gegenstück noch den Ansatz zu so einer Oper. Haydn wiederum sagt von sich selbst, dass er durch seine isolierte Situation in Esterháza, wo er ein durchaus hoch gebildetes Opernpublikum begeistern musste, gezwungen war, originell zu sein. Das spiegelt sich in der Musik wider, denn auch H.C. Robbins Landon meint: „L'Infedeltà Delusa is perhaps the finest opera Haydn ever wrote." Das Libretto, das er vertonte, war das dramatisch dichteste, das Haydn je zur Verfügung hatte. Die Handlung ist einfach und die kleine Besetzung besteht aus toskanischer Landbevölkerung. Das zeigt sich speziell in der Sprache des Librettos, das in einer zweiten Fassung in Rom liegt, die eigens für das Theater in Florenz geschrieben wurde. Die Fassung, die Haydn vertonte, wurde vermutlich nicht von Coltellini selbst bearbeitet. Puccinis Verbindung zur Toskana und zu Florenz zeigt sich sowohl im Libretto als auch in der Musik. Kaum zu erwähnen ist die Lobeshymne, die Rinuccio über seine Heimatstadt und ihre berühmten Einwohner singt. Sie ist in Form eines toskanischen Stornellos geschrieben.

Beide Komponisten zeigen einen besonderen Bezug zu lautmalerischen Elementen. In der Oper von Haydn sei nur die Arie des Nencio erwähnt, in der er sich in der Vorfreude über seine Rache an Filippo kaum halten kann vor Lachen. Das zeigt sich auch in den Begleitfiguren der Streicher, die durch kurze Vorschläge so gestaltet sind, dass sie ebenfalls wie ein „Lachanfall" klingen. Puccini hat dieses Stilmittel noch mehr angewandt. Er konnte zudem dadurch, dass die Oper nicht mehr in einzelne Nummern gegliedert war, einen größeren Bogen ziehen und viele Elemente durch das gesamte Stück ziehen. Schon das zu Beginn vorgestellte Achtel-Thema, stellt hervorragend das Wehklagen und falsche Weinen (im Gegensatz zum Lachen bei Haydn!) der gar nicht so traurigen Verwandten des Buoso Donati dar.

Haydn schildert durch seine Musik auch innere Zustände, Gefühle und Charaktere der handelnden Personen. In der Arie des Filippo, in der er dem Nencio vorwirft, dass er seine Kinder verlassen hätte und sich seine eigene Gutgläubigkeit zum Vorwurf macht, zittert er vor Wut, was sich in seiner Partitur als aufgeregte Synkopen zeigt. In Gianni Schicchi wird der Held der Geschichte durch verschiedene Themen charakterisiert. Eine Ähnlichkeit zu Strauss' Till Eulenspiegel lässt sich nicht nur in der Figur des Gianni Schicchi erkennen, sondern auch in diesen Tonfolgen.

Tiziano Duca


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