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Zu Haydens Oper L'Infedeltà Delusa

Anfang 1773 beauftragte Fürst Nikolaus Esterházy seinen Kapellmeister Joseph Haydn mit einer neuen Oper für den Sommer. Das Resultat der Arbeit, "L'Infedeltà delusa" [zu deutsch etwa: "Die überlistete Untreue", der Titel einer deutschen Fassung lautet "Untreue lohnt nicht"], wurde im Schloß Esterház am Montag, den 26. Juli, zum Namenstag der Prinzessin Maria Anna Louise, Nikolaus' Ehegattin, uraufgeführt.

‚Nell'occasione del gloriosissimo arrivo quìvi de Sua Maestia L'Imperatrice Maria Theresia ... nel mese di Settembre dell'Anno 1773'.

Die famose Vorstellung soll die Kaiserin zu der berühmten Bemerkung veranlaßt haben: "Wenn ich eine gute Oper hören möchte, dann gehe ich nach Esterház."Möglicherweise hatte es ihr auch das Sujet, eine Bauernkomödie mit emanzipatorischem Inhalt, angetan, da sie sich in jenen Jahren besonders für die Bauernbefreiung – gegen den Willen der adeligen Landstände – einsetzte.

Außer einer weiteren dokumentierten Aufführung am 1. Juli 1774, anläßlich des Besuchs zweier distinguierter Italiener, sind keine Wiederaufnahmen der Oper zu Haydns Lebzeiten überliefert. Dann wurde sie vergessen, wie alle anderen Bühnenwerke Haydns auch. Es dauerte bis 1930, bis sie in einem Arrangement als deutsches Singspiel "Die Liebe macht erfinderisch" in Wien neu herausgegeben wurde (Text von Hermann Goja, musikalische Bearbeitung von Gottfried Kassowitz Erst nach dem zweiten Weltkrieg errang die Oper endlich in ihrer originalen Form erneut Wertschätzung und teilweise sogar Popularität. Der ersten Wiederaufführung durch den ungarischen Rundfunk (1952) folgte 1959 eine Produktion an der Ungarischen Staatsoper. 1960 erschien die revidierte Neuausgabe von H.C. Robbins Landon sowie 1964 eine weitere ungarische Neuedition.

Auf den Bühnen wurde sie in der Folge beim Holland Festival und einige weitere Male in Deutschland, England, Frankreich, Schweden und in den USA in Szene gesetzt. Die Erstaufführung der deutschen Fassung (H.F Kühnelt) war 1968 in München. Platteneinspielungen erschienen unter Antonio de Almeida (1969), Frigyes Sándor (1976), Antal Dorati (1980) und Sigiswald Kuijken (1989).

Der Librettist der Oper, Marco Coltellini, geborener Florentiner, war zuerst Buchdrucker in Livorno und wirkte ab 1758 als geschätzter und bekannter Theaterdichter in Wien, der junge Mozart komponierte dort zum Beispiel sein Libretto "La finta semplice". 1773 ging Coltellini als kaiserlicher Hofdichter nach St. Petersburg, wo er im Alter von 58 Jahren starb. Das Libretto zu "L' Infefedeltà delusa", drastisch-deftig und in toskanischem Dialekt, ist in gewisser Weise einzigartig, denn alle fünf Hauptpersonen sind Angehörige des Bauernstandes. Die Aristokratie erscheint lediglich als ironische Karikatur in der Figur des Marchese di Ripafratta, in den sich Vespina verkleidet. Ebenso bemerkenswert ist eine weitere Rolle, in die die listige Vespina schlüpft nämlich jene des arrogant-tölpelhaften und betrunkenen "deutschen" (=österreichisch-habsburgischen?) Dieners dieses Adeligen, der unsäglich komisch in einem italiano-deutschem Idiom radebrecht. (Nr.11., Trinklied:"Trinche vaine allegramente, .... lustig, lustig paesan, spaisen vuol, non paghar niente ....".

In Haydns Opernschaffen stellt "L'Infedeltà delusa" einen Höhepunkt seiner Charakterisierungskunst dar. Die fünf Figuren dieser Opera buffa sind scharf und ausdrucksstark gezeichnet, die burleske Musik ist voller Farbigkeit und akurrater Situationskomik, aber auch von berückendem Tiefgang in der Schilderung von Seelenzuständen individueller Menschen aus Fleisch und Blut. Das Orchester findet mit Streichern, zwei Oboen, zwei Hörnern und zwei Fagotten (in einigen Nummern dazukommend: 2 Trompeten und Pauken) das Auslangen, jedoch ist der weit mehr als begleitende, vielmehr oft lautmalerisch illustrierende, "sprechende" und mitunter humoristisch kommentierende Orchesterpart von größter Finesse.

Unter den vielen Schönheiten, den verblüffend zwingenden Lösungen und der auch im Musikalischen genialen dramaturgischen Stringenz dieser Opernpartitur sei eine besondere Kostbarkeit hervorgehoben: Es ist die letzte Arie vor dem Finale des zweiten Aktes, sie gehört Sandrina: È la pompa un grand' imbroglio (Ruhm und Pomp sind nur Verirrung) – das schöne Bekenntnis eines Bauernmädchens zum einfachen Leben weitet Haydn mit einem genialen Kunstgriff ins Gemeinschaftliche, indem er die berückende Gesangslinie die gesamte Arie hindurch colla parte durch die Geigen begleiten läßt, beziehungsweise durch Oktavierung quasi "zweistimmig" führt.

Nicht von der Hand zu weisen ist die Idee, dass Haydn hier seinem Fürsten selbst Reverenz erweist und in schönster Weise die Möglichkeiten preist , die ihm aus seiner zwar bescheidenen und abgeschiedenen, aber gesicherten Existenz in Esterház erwachsen sind. Der große, feierliche und doch auch leicht melancholische Gestus dieser herrlichen Musik, ihre hervorgehobene Position in der Gesamtdramaturgie spricht durchaus für diese Auslegung.

 

Handlung / Musik

Ort und Zeit der Handlung: Ein kleines Dorf in der Toscana im 18. Jahrhundert


1. Akt


Nach der prachtvollen (dreiteiligen) Ouverture (nicht der einzigen, denn vor dem zweiten Akt steht eine weitere Sinfonia), sehen wir Filippo, Vespina, Nencio und Nanni in ländlicher Landschaft die Schönheit des
Sommerabends preisen (Nr.1, Introduzione/Quinetto: Bella sera, ed aure grate). Aber inmittten dieser Idylle schöpft das Geschwisterpaar Vespina und Nanni bereits Verdacht: Der alte Bauer Filippo, Vater Sandrinas, hat mit dem reichen Nencio abgemacht, ihm Sandrina zur Frau zugeben.

Sandrina aber liebt den armen Nanni – und Vespina liebt den Nencio ... Dieses erste Quintett in pastoralem F-Dur ist die bei weitem längste Nummer der Oper und stellt möglicherweise eines der schönsten Ensembles in Haydns gesamten Opernschaffen dar. Mit dem Eintritt der beunruhigten Sandrina, die von ihrem Vater Aufklärung verlangt, von diesem aber zu Gehorsam und Schweigen verdonnert wird, wird die Gangart der Musik (3/8-Takt) aufgeregter.

Sandrina und Filippo bleiben allein zurück, der Alte bedeutet ihr, sie werde durch die Heirat des Nencio reich werden, aber Sandrina antwortet, was kümmert mich Reichtum, wenn ich meinen Nanni nicht kriege und dann nicht zufrieden bin? Worauf ihr der Alte eine weitere Predigt verpasst: Wenn der Arme kommt heißt es nein sagen, und beim Reichen soll man schnell zum Duwort kommen und basta (Aria Nr.2: Quando viene a far l'amore).

Nanni kommt und Sandrina verschafft diesem über die Absichten Filippos mit einer vehementen Presto-Arie (Nr.3: Che imbroglio è questo) Gewissheit. Nanni, allein zurückgelassen, tobt, spuckt Gift und Galle – die Nummer endet mit sich frenetisch steigernden Violinfiguren. (Nr 4: Non v'è rimedio, non v'è compenso).

Vespina, im Stall bei ihren Tieren, besingt Süße und Schmerz ihrer Liebe zu Nencio (Nr.5: Come piglia si bene la mira). Vom Bruder über die Intrige Filippos und Nencios aufgeklärt, schwören die Geschwister gemeinsam Rache (Nr 5, Duetto: Son disperato).

Aufgeputzt als Freier, singt Nencio vor dem Haus Filippos für Sandrina eine große, auch in der Orchesterbegleitung köstlich charakterisierte Serenade voller Komik, in der er die Vorzüge der Landmädchen gegenüber den geschminkten, aufgeputzten und falschen Stadtdamen preist: Die Mädchen vom Land, die waschen sich mit klarem Wasser, machen keine Techtelmechtel und können zudem auch noch gut arbeiten. (Nr. 7: Chi s'impaccia di moglie cittadina, va cercando di dote, e trova guai ...).

Im darauffolgenden Rezitativ sucht Nencio Sandrina vergeblich zu überreden, ihn doch zu lieben, droht ihr schlussendlich Gewalt an, wenn sie sich weiter weigern sollte. Worauf er von Vespina, die mit Nanni den Auftritt mitbeobachtet hat, ein paar schallende Ohrfeigen erhält, die ihrerseits das Allegro assai des turbulenten Finale (Nr.8) in Gang setzen. Mit Mistgabeln gehen die Kontrahenten bis zur Erschöpfung (mancando) aufeinander los, bis die Wut im Abschluß-Presto noch einmal voll hervorbricht.


2. Akt

Eine jagende Prestissimo-Sinfonia eröffnet den zweiten Akt. Es ist der nächste Morgen, Vespina weiht Nanni in ihre Pläne ein. Als alte Frau verkleidet, tritt sie Filippo in den Weg und erzählt ihm, sie sei die gebrechliche Mutter einer beklagenswerten Tochter, die von einem gewissen Nencio geheiratet, geschwängert und anschließend von diesem verlassen worden sei. In ihre Erzählung webt sie (als Accompagnato-Rezitative gekennzeichnete) Sprichwörter und Volksweisheiten ein – "dice il proverbio" leiert sie jedesmal –, an die sie sich als geschlagene Frau klammert. Höchst interessiert hört ihr Filippo zu, die diesen zu allem Überfluß und um ihre Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, auch noch in einer komisch-pathetischen Adagio-Arie (Nr.9: Ho un timore in un ginocchio) über ihre sämtlichen Gebrechen und Krankheiten, begleitet von einem schrecklichen Husten, aufklärt.

Filippo, außer sich vor Zorn über diese Kreatur, mit der um ein Haar seine Tochter verheiratet hätte, weist Nencio die Tür und sperrt sich und Sandrina in sein Haus ein. Der befremdete Freier klopft vergeblich,
schließlich öffnet der Alte das Fenster und überschüttet ihn mit Verwünschungen und Beschuldigungen: "Du Schurke, du Zuchthäusler, du willst Sandrina heiraten? Die Kinder weinen, du läßt sie verhungern, die
Leute tuscheln, die verlassene Unglückliche ließest du ohne Hilfe, ohne Brot ... (Nr.10: Tu sposarti alla Sandrina?)".

Allein gelassen, versteht Nencio die Welt nicht mehr. Da taucht Vespina in einer neuen Verkleidung auf: Als "deutscher" Diener eines Marchese, begleitet von zwei Saufkumpanen, singt er (sie) ein ausgelassenes
Trinklied, Nencio unaufhörlich Alkohol einflößend (Nr. 11: Trinche vaine allegramente). Sein Herr, der Marchese von Ripafratta, erzählt der Diener dann, wolle das Bauernmädchen Sandrina heiraten. Nencio kann gerade noch den Verdacht äußern, Filippo habe ihn übertölpelt, damit Sandrina eine noch bessere Partie machen könne, da erscheint, bevor er noch Atem schöpfen kann, Vespina auch schon als der hochmütige Marchese selbst.

Er informiert Nencio, dass er, um sich nicht zu deklassieren, Sandrina nur zum Schein die Ehe versprochen habe und diese in Wahrheit – durch Vertauschung der Namen im Kontrakt – mit einem seiner Küchenjungen
verheiraten wolle. Sandrina werde dann, nach einmal gültig abgeschlossenem Ehevertrag mit dem Domestiken, nichts anderes übrigbleiben, als sich beim Marchese als Dienstmagd zu verdingen.
Der sich von Filippo geprellt fühlende Nencio ist über diese Wendung begeistert und gleich bereit, einen Trauzeugen zu spielen. In der Arie O che gusto (Nr.12) kostet Nencio die Vorfreude auf seine Rache aus –
verstärkt durch charakteristische Streicher-Begleitfiguren schüttelt er sich, wiehert, prustet vor unterdrücktem Lachen.

Vespina beruhigt indessen Nannis Sorgen über die von ihr chaotisch zugespitzte Situation. Sie habe ihre Netze und Leimruten gut ausgelegt (die Spatzen im Orchester tschilpen und pfeifen mit): Ho tesa la rete (Nr. 13), alles wird sich zum Besten wenden.

Im guten Zimmer im Hause Filippos versucht der Alte Sandrina von den Vorzügen höfischen Lebens als große Dame zu überzeugen, das jetzt auf sie warte. Sie werde in Samt und Seide gekleidet sein, das feinste Essen bekommen, Bedienstete haben, eine Kutsche, eine Sänfte ... Sandrina erwidert, ach, die Bedienten werden alles über mich austratschen, und wozu braucht es eine Sänfte, wenn man gesunde Beine hat. Ich brauche doch nur eine Hütte, Brot und meinen Nanni. Ihre nun folgende Arie (Nr. 14: È la pompa un grand'imbroglio) ist ein wahres Juwel: "Der Pomp ist nur eine Verirrung; Reichtum, Prunk, Ehre sind es nicht, die ich suche, sondern nur den Frieden meines Herzens."

Finale: In ihrer letzten Verkleidung erscheint Vespina (als Vorläuferin der Mozartschen Despina) als Notar, Nanni "vertritt" im Gewand eines Domestiken bei der Traungszeremonie seinen Herrn, der aufgehalten
worden sei. Nach der Zeremonie geht alles ganz schnell: Vespina (sie singt ein paar Kennmelodien ihrer bisherigen Rollen) und Nanni geben sich zu erkennen, und nach anfänglicher Wut Filippos und Nencios erfolgt die allgemeine Versöhnung. Die Doppelhochzeit, jene Sandrinas mit ihrem Nanni, aber auch jene Vespinas mit Nencio, dessen Untreue überlistet wurde, wird eingefeiert.

 

Joseph Haydn: L'infedeltà delusa

(von Harald Haslmayr)

Analog zum Titel des unvollendet gebliebenen Aufsatzes über das Werk seines Lehrers von Alban Berg "Warum ist Schönbergs Musik so schwer verständlich?" ließe sich heute fragen: "Warum sind Haydns Opern so unbekannt?" – Neben vielen Erklärungsmöglichkeiten scheint vor allem ein Grund für diese rezeptionsgeschichtliche Situation verantwortlich zu sein: Haydns Opern hatten das Pech, historisch genau zwischen den Opernreformen Christoph Willibald Glucks und den genialen Meisteropern Wolfgang Amadeus Mozarts zu liegen – bis heute hat sich Haydns Opernschaffen nicht aus dem Windschatten dieser beiden wahrhaft epochalen künstlerischen Strömungen lösen können.

In diesem Zusammenhang bleibt auch daran zu erinnern, daß Haydn die Werke seiner "Konkurrenten" lebhaftest rezipierte: mit Mozart war Haydn bekanntlich nicht nur in persönlicher Freundschaft verbunden, sondern er führte im Operntheater von Schloß Esterháza auch mehrere Opern des Salzburger Meisters auf – Ironie der Geschichte, daß Haydn just am 14. Juli 1789, dem Tag des Sturmes auf die Bastille, den Eingang der Partitur von Mozarts Le nozze di Figaro bestätigte! – und Gluck betreffend komponierte Haydn ein Libretto, das bereits als Gluck-Oper vorlag, nämlich L'incontro improvviso (1775), und die Armida-Komposition von 1783 läßt sich sogar phasenweise als "Kommentar" zur Armida von Gluck auffassen. Kurz, Haydn war gerade das Genre Oper angehend, stets au courent, und war sich nicht zu schade, in seiner Antwort auf eine Anfrage aus Prag aus dem Jahr 1787, eine "opera buffa" zu komponieren, die musiktheatralische Überlegenheit Mozarts in bis heute berührender Weise einzugestehen:

Aber auch da hätte ich noch viel zu wagen, indem der große Mozart schwerlich jemanden anderen zur Seite haben kann. Denn könnt ich jedem Musikfreunde, besonders aber den Großen, die unnachahmlichen Arbeiten Mozarts, so tief und mit einem solchen musikalischen Verstande, mit einer so großen Empfindung in die Seele prägen, als ich sie begreife und empfinde; so würden die Nationen wetteifern, ein solches Kleinod in ihren Ringmauern zu besitzen. Prag soll den theuern Mann fest halten – aber auch belohnen; denn ohne dieses ist die Geschichte großer Genien traurig, und giebt der Nachwelt wenig Aufmunterung
zum fernern Bestreben; weßwegen leider so viel hoffnungsvolle Geister darnieder liegen. Mich zürnet es, daß dieser einzige Mozart noch nicht bey einem kaiserlichen oder königlichen Hofe engagirt ist! Verzeihen sie, wenn ich aus dem Geleise komme; ich habe den Mann zu lieb. Ich bin etc. Joseph Hayden.

Darüberhinaus hat der amerikanische Musikologe Charles Rosen in seinem Buch Der klassische Stil darauf hingewiesen, daß Haydn als Meister der Instrumentalmusik (Streichquartett, Symphonie) über eine so hochdifferenzierte Meisterschaft in der kompositorischen Gestaltung kleinster Takteinheiten verfügte, daß diese Zugangsweise ihn bei der Architektur "großer", dramatischer Spannungsbögen für die Oper sogar
behindert haben mochte. Wie immer dem auch sein mag, ist es hoch an der Zeit Haydns Opernschaffen neu zu entdecken, und zwar in vollgültigen, szenischen Aufführungen wie sie am heutigen Abend in Wien  erstmals (!) stattfindet, und man lasse sich nicht täuschen: obwohl Haydn eben als Meister der Instrumentalmusik gilt, widmete er sich in einem bedeutenden Abschnitt seines Lebens beinah ausschließlich dem Genre "Oper", der noch im 18. Jahrhundert ohne Zweifel höchstgeschätzten Kunstgattung überhaupt.

Von 1776 – 1784 war Haydn gleichsam "hauptberuflich" Opernkapellmeister im Operntheater von Esterháza, dem ungarischen Versailles südlich des Neusiedlersees, für das er freilich schon zuvor Opern komponiert hatte, wie eben L'infedeltà delusa von 1773. Aus heutiger Sicht läßt sich kaum noch nachvollziehen, welche ungeheure Arbeitsleistung Haydn in diesen Jahren zu erbringen hatte:
Im Jahrzehnt von 1770 – 1780 dirigierte Haydn nicht weniger als 1038 Aufführungen, davon 60 (!) Uraufführungen. Im Jahr 1786 präsentierte er an 125 Spielabenden – Dezember und Jänner waren die beiden einzigen spielfreien Monate – acht Erstaufführungen und neun Reprisen! Von den 78 bis zum Jahr 1784 gespielten Opern stammten 15 von Haydn selbst.

Weiters gilt es zu bedenken, daß Haydn ja keine "Partituren" im heutigen Sinn geliefert bekam, sondern die einzelnen Stimmen mühsam für seine Möglichkeiten umarbeiten oder sogar eigene Einlagearien komponieren mußte, von der Mühe des Notenkopierens ganz zu schweigen. Genauso war er für die Auswahl der Sänger und die Koordinierung der Proben zuständig, ja er wurde sogar für die Ausarbeitung der Bühnen- und Kostümentwürfe herangezogen. Ab 1771 assistierte ihm dabei der aus Italien engagierte Pietro Travaglia.

Die Auswahl der Opern wurde durch Vertrauensmänner des Fürsten in den internationalen, vor allem natürlich italienischen Opernzentren erleichtert, ja vielleicht allererst ermöglicht. So war in Rom der eben so genannte "Consigliere" Leopoldo Mazzini für die Esterházy tätig (ab 1775 erhielt er für seine Beratertätigkeit, die auch die Literatur und die bildende Kunst umfaßte, sogar ein regelmäßiges Gehalt), in Bologna stand der Dichter Martelli zur Verfügung, in Mailand der Graf Lemberg und schließlich in Venedig der Graf Durazzo.

Diese Auflistung zeigt in aller Deutlichkeit die italienische Ausrichtung der Opernästhetik der Esterházy, von Ideen zur Errichtung eines Deutschen Nationaltheaters, wie dies 1776 ja Joseph II. in Wien versuchen sollte, war man hier weit entfernt. Freilich gelangten auch in Deutsch gesungene Singspiele zur Aufführung, und auch die Darbietungen in den von Wandertruppen vorgetragenen Schauspielen waren natürlich auch deutschsprachig.

Wie wir bereits wissen, setzte Haydns Tätigkeit als Opernkomponist bereits vor seiner Zeit in Esterháza ein. Nach dem komödiantischen Experiment Der krumme Teufel der Wiener Zeit, führte Haydn 1763 gleichsam als theatralischen Einstand seine "Festa teatrale" Acide in  Eisenstadt anläßlich der Hochzeit des späteren Fürsten Paul Anton II. mit Maria Theresia Gräfin Erdödy auf. Nach zwei erhaltenen Kömodien, nämlich La Marchesa Nespola (ca. 1763) und La canterina (1766) und einigen verschollenen musikalischen Komödien, setzt sich Haydn Ende der sechziger Jahre erstmals mit Werken des für die Struktur der Buffo-Oper tonangebenden Venezianers Carlo Goldoni auseinander:

Lo speziale (1768) und Le pescatrici (1769). Am 26. Juli 1773 kam L'infedeltà delusa zur Aufführung, die erste Gestaltung eines türkischen Sujets ist das "Dramma giocoso", L'incontro improvviso (1775) – zwölf Jahre später sollte Mozart seinen Don Giovanni ebenfalls unter die Bezeichnung "Dramma giocoso" stellen. Nach der intensiven Ausweitung des Opernbetriebes im Jahr 1776 schreibt Haydn seine dritte Goldoni-Oper Il mondo della luna (1777), die erste seiner Opern, die sich im 20. Jahrhundert einer veritablen Renaissance erfreuen sollte. Noch vor dem verheerenden Brand des Operntheaters am 18. November 1779 hatte Haydn La vera costanza (ca. 1778) komponiert – von dieser Oper existiert nur noch die 2. Fassung von 1785 – und auch die ins Oratorienhafte hinüberspielende Metastasio-Oper L'isola disabitata (1779), die bezeichnenderweise die Bezeichnung "Azione teatrale" trägt. Die Wiedereröffnung des neu hergestellten Operntheaters erfolgte am 25. Februar 1780 mit La fedeltà premiata – in völlig neue Bereiche der
Operngattung sollten schließlich Haydns letzte beide Opern für Esterháza weisen: Orlando paladino (1782) – ein Stoff aus Ariosts Orlando furioso verläßt die heitere Welt der Buffa und wird deshalb auch als "Dramma
eroico-comico"
bezeichnet, und vollends das "Dramma eroico" Armida (1783), dem Epos Gerusalamme liberata von Torquato Tasso folgend, wird in die Bereiche der Opera Seria vordringen, ohne deren traditionellen Forderungen – wie wir sehen werden – mehr völlig genüge zu tun.

Was nun L'infedeltà delusa im speziellen betrifft, griff Haydn auf ein Libretto des in Livorno geborenen Marco Coltellini (1719 – 1777), der 1769 die Nachfolge von Pietro Metastasio als Hofdichter in Wien angetreten hatte, zurück. Ein festliches Ereignis war der Grund für diese Komposition: am 26. Juli 1773 feierte man den Namenstag der verwitweten Fürstin Maria Anna Louise Esterházy, der Gattin des 1762 verstorbenen Fürsten Paul Anton, der Haydn am 1. Mai 1761 bekanntlich als Vizekapellmeister nach Eisenstadt engagiert hatte.

Dessen Nachfolger Nikolaus, "der Prachtliebende" richtete nun für seine Schwägerin ein glanzvolles Fest ein, das in einem nächtlichen Maskenfest und einem Feuerwerk kulminieren sollte, eine "Versuchsanordnung" die durchaus mit der Situation im Prolog von Ariadne auf Naxos vergleichbar ist. Im Beisein von Erzherzogin Marie-Christine, einer Tochter Maria Theresias, erklang nun L'infedeltà delusa, doch leider sind uns keine "Publikumsreaktionen" überliefert. Fünf Wochen später jedoch fiel am selben Ort der berühmte
Ausspruch von Maria Theresia: "Wenn ich gute Opern hören will, gehe ich nach Esterháza". Die Kaiserin persönlich hatte Fürst Nikolaus einen Besuch abgestattet, und Haydn, der ursprünglich an eine Aufführung
seiner 1762 geschriebenen Oper Acide gedacht hatte, entschloß sich im letzten Moment doch für L'infedeltà delusa, wie uns das für die Aufführung am 1. September 1778 gedruckte Textbuch beweist: "nell'
occasione del gloriosissimo arrivo quivi de Sua Maestia L'Imparatrice Maria Theresia"
.

Der Erfolg war so groß, daß die Oper am 1. Juli 1774 anläßlich des Besuchs des Botschafters von Modena nochmals aufgeführt wurde, um dann erstmals wieder 1859 in Budapest zur Aufführung zu kommen.

Musikalisch spricht die Oper die Sprache der "opera buffa", wie sie sich im 18. Jahrhundert ausgebildet hatte – im bereits zitierten Textbuch wird das Werk noch als "Burletta per musica" bezeichnet. Haydn erweist sich nicht nur als Meister musikalischen Humors, wie etwa in der Verkleidungsszene der Vespina am Beginn des 2. Aktes, sondern auch als weitblickend disponierender Gestalter der verschiedenen musikalischen Charaktere: Pastoraltopoi, Rachefiguren, Seufzermotive, Tonartensymbolik (so steht z.B. die wutentbrannte Arie der Nanni "Non v'è rimedio" in fmoll, der erregten Tonart des Zeitalters, in der etwa die Wutausbrüche des Grafen Almaviva oder die Appassionata Beethovens stehen), Serenaden, Volksliedparodien, Trinklieder und vor allem die kunstvollen Ensembles machen das Werk zu einem Juwel des komödiantischen Musiktheater nicht nur des 18. Jahrhunderts. Wie schrieb Goethe, einer der größten
Bewunderer Haydns, im Jahr 1826 in der Zeitschrift Kunst und Altertum, einen Aufsatz seines Freundes Carl Friedrich Zelter bearbeitend?
Unser Haydn ist ein Sohn unserer Zone, und wirkt ohne Hitze, was er wirkt; wer will denn auch erhitzt sein? Temperament, Sinn, Geist, Humor, Fluß, Süße, Kraft und endlich die echten Zeichen des Genies:
Naivität und Ironie, müssen ihm durchaus zugestanden werden. Sind nun die hier genannten Elementarteile, welche ohne Wärmestoff nicht denkbar sind, Haydnsche Eigenheiten, so begrüßen wir seine Kunst als
antik im besten Sinn, und daß er modern sei, ist unsres Wissens, nicht bestritten worden, was auch schwer gelingen möchte, da alle moderne Musik auf ihm ruht.  Ob nun diese unserem Freunde zugestandenen Eigenschaften auf die Ursache hindeuten, weshalb er nicht tätiger für das Theater gewesen, dies möge dahingestellt sein; daß aber der Grundakkord seines ganzen Genius kein geringerer sei als der sichere Ausdruck einer freien, klaren, keusch geborenen Seele, wünschte ich wohl so wahr und warum ansprechen zu können, als ich es fühle. Auch bin ich es nicht allein, auf den seine Produktionen solche Wirkungen ausüben.

Der Kulturhistoriker Harald Haslmayr wurde 1965 in Graz geboren. Studium der Geschichte und Deutschen  Philologie. 1994 promovierte er mit einer Arbeit über geschichtsphilosophische Aspekte im Werk Robert Musils. Seit 1991 ist er Lehrbeauftragter und Assistent am Institut für Wertungsforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst sowie Lehrbeauftragter am Institut für Österreichische Geschichte an der Karl Franzens Universität Graz. Zahlreiche Publikationen zu kulturhistorischen, ästhetischen und philosophischen Themen. 1999 erschien sein bemerkenswertes Musikporträt "Joseph Haydn, sein Werk – sein Leben" im Verlag Holzhausen.



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